kommentatives

 

nichts

 

das grausame am tod ist sterben
vorausgesetzt danach folgt nichts

dann kann dies nichts nicht grausam werden
denn nichts ist nichts das herzen bricht
doch sterben ist das ganze leben
in dem wir erkranken älter werden
uns dem verfall bewusst hingeben
spürn wir im tod das leiden nicht


feinde der nacht

 

irgendwo in der wüste der stille
irgendwo hinter dem wall
sind wir die letzten am leben
sind wir die letzten vorm fall

wir sind die krieger im kessel
wir sind die feinde der nacht
zum licht führt uns unser streben
der wille zum sieg ist erwacht

und mögen wir schließlich doch fallen
so fallen wir schließlich doch frei
die hoffnung liegt tief in uns allen
dass der sieg noch unser sei

doch wissen wir alle im herzen
dass alles verloren ist
nur eins lindert noch unsre schmerzen
die hoffnung dass man uns nicht vergisst


im lande noth

 

mein herz ist kalt und ohne schläge
stets dürstet’s ihm nach warmem blut
die nacht hüllt mich in dunkles schweigen
und tief im innern tobt die wut

in finsternis herrscht stets das grauen
doch helligkeit bringt leicht den tod

so muss ich bittre asche essen
wie urahn kain im lande noth


harpyen

 

die harpyen schrien meinen namen zu laut
zu früh war zu spät für sie
denn ich kann sie hören und werde mich rächen
gewalt ist kein weg und führt doch zum ziel
mächtig ist der der macht richtig nutzt
feuer brennen hell - verbrennen sich selbst
ich schwele und breche dann aus
ohne reue ohne skrupel
dies war euer letzter schrei


verse auf fragen

 

meine verse
sind mein denken
sind die fragen
an die welt

meine verse
sind nur thesen
die im kern
doch wahrheit sind

und sie reichen mir als antwort
auf die fragen dieser welt

gib mir mehr von meinen versen
wehe so die fragen fort


er

 

hörst du ihn? er ist schon da
nichts ist so wie es mal war
denn er lebt weil andre sterben
und tausend jahre sind ein tag
denn er siegt weil andre kämpfen
tausend jahre wie er mag
er ist auch bei mir wenn ich schreibe
von dem der liebt was hass verdient
und noch ein jahr
und noch ein tag
MilleniuM noch nicht zu ende
und alles ist wie’s immer war


er wartet wie ein fels

 

zu ende ist’s
und ist es schlimm?
tod – ist schauriger er als leben?
er erlöst befreit hält stand
während neben ihm das leben wankt
der tod ist ewig
geduldig
still
begnügt sich wohl
das leben will – es will
nicht sterben
leben
mehr!
doch oft zuviel – betrügt sich selbst
der tod – er wartet wie ein fels
der seinen langen schatten wirft


gleichnis

 

sie sehen dich nicht an
denn scham ist größer als die reue
nur gott weiß wie es dazu kam
denn kain warf einst den ersten stein
und täglich fliegen neue


todesgesichter

 

wo sind die lichter?
mach sie wieder an
todesgesichter – einmal ist jeder dran

bitte stell die uhr zurück
doch der zeiger tickt ein stück
immer weiter immer lauter
lachen sie mich an
todesgesichter – einmal ist jeder dran

jede sekunde wie ein glockenschlag
immer näher immer dunkler
jedermann holt wen er mag
da – die uhr schlägt zwei vor zwölf

zwei minuten sind nicht lange
doch ich hoffe und ich bange
und der zeiger eins vor zwölf
todesgesichter – einmal ist jeder dran


tragödie der dummheit

 

die tragödie ist die dummheit des menschen
noch bei shakespeare wusste ich sie zu genießen
doch nun steht sie mir bis hier

gesunder menschenverstand
gesundes volksempfinden
sind wie rote tücher
die auf aufgedunsner zunge liegen
und sich selbstgefälligkeit aalen

zeig mir einen der sie beide kennt
und ich zeig dir wie ich mich verneige
vor der hohen kunst zu ignorieren
dass man nicht für jeden spricht

übelkeit auf meiner zunge
wenn ich sehe wie die dumme
dumme dummheit reden lernt

auf dass sie sich nicht selbst verschlucke
an der aufgedunsnen zunge
die voll tragik eiter tropft


kleine stücke mehr-als-ich-vertragen-kann

 

worte sind wie essen für den wachen geist
nimm ein messer und schneide gedanken
in tausend kleine stücke
denn ich bin sehr hungrig
so hungrig dass ich sterben muss
und viel zu satt um noch ein blatt zu essen

das paradoxe ist: es gibt kein maß
doch gib mir mehr so dass ich’s finde
indem ich fresse und dann schließlich platze
dann war’s zu viel und alles andre war zu wenig

kleine stücke mehr-als-ich-vertragen-kann
rieseln sanft durch meinen kopf
der brodelt wie ein topf auf heißer flamme
ein süßer tod ist wahnsinn der aus wissen stammt
und worte – kleine stücke brot
stopfen auch der dummen maul

und schäumen auf ergießen sich in etwas
das nichts mit dem gegessenen gemeinsam hat
dies ist die gefahr und auch der stolz des sapiens mensch


kinder der nacht

 

nimm das leben wie es kommt
als jäger nicht als sammler
wurden wir gestorben
neu geboren

kinder der nacht
kinder des düsteren scheins
beherrschen wir das leben
und haben selber keins
kainskinder

blutsbrüder
pack und brut

wahnsinn und vergessen
erkenntnis und verfall
ewigkeit und regression
in konstanter innovation

sind wir gefangene der nacht
in anbetracht des lichts
danach


draußen vor der tür

 

beckmann mit der brille wie ein fisch
und einem grauen nassen mantel
nur einer von vielen die nach hause gingen
und nie daheim ankamen

beckmann mit der frisur wie ein  igel
und den viel zu großen sachen
von einem der nie nach hause ging
doch kennt er beckmanns namen

der oberst mit dem brot am tisch
will die verantwortung nicht haben
der direktor ohne mut
das mädchen ohne mann
der alte gott
der fette tod
frau kramer und die elbe
der andre und die toten
die nie nach hause kamen
teck! tock! – sie rufen beckmanns namen


amselfeld

 

ein schlag
die taube fliegt auf

und wird zum roten adler
mit blauen augen
rotem schnabel
schlägt er die beute
ein tag in der statistik
tausend tote
die wahrheit starb zuerst
vor millionen augen
keine träne
viel blut
in diesem saubren krieg
gegen den führer nicht das volk
es fallen ja nur bomben


blut wein und tränen

 

blut vergossen wie wein
geht mit salz von tränen
nicht aus dem tischtuch
glut ergraut wie haare
ein name: margarethe 

alles ist was es ist sagt das leben
und nichts wie es war sagt die zeit

doch wenn du mich fragst
ist es viel zu bald wieder mal so weit


MillenniuM

 

ich weiß: eigentlich ist erst nächstes jahr jahrtausendwende
doch diesmal ging das große knallen schon richtig groß
an mir vorüber
lightshow
raketen
chinaböller c d und b12
ich steh mittendrin
zwischen pulverrauch und leeren flaschen
vollen leuten krankenwagen polizei
alles größer toller besser
als noch in den letzten jahren
dieses mal silvester muss was ganz besonderes werden
seltsam irgendwie haben mir die letzten male besser gefallen


erinnerung an china

 

meile um meile gestapelter steine voller geschichte
erfurchtgebietend in der kälte des dezember
steinernes zeugnis einer versunkenen welt
und glanzvoller zeiten die selbst
der mann im mond noch sieht

tausende tote erschufen dieses bollwerk
mit blut schweiß tränen und geschick
die hände in den taschen
denke ich an endlose stunden
die chinesen hier verbrachten
und nach norden starrten
in das karge land der steppe der mongolen

dann wird mir klar
was hier auf keiner tafel steht

dies hier ist das größte denkmal
von tod
das die zeit uns überlies und ein symbol
für die große mauer in unseren köpfen
die dies alles hier erst möglich/nötig machte 


spiekeroog

 

ich atme morgen salz und sand
hier bin ich gott hier will ich sein
die ersten strahlen der sonne
am spiekerooger strand
umspielen mein gesicht im kühlen wind

vor mir am wasser
tapst die erste möwe durch den schlick
und putzt ihre schwingen
schon wieder denke ich an icarus
und seufze als sie sich mit kreischen
in die luft erhebt über das wasser
während ich versinke in myriaden kleiner steine
und am ufer bleibe bei den dünen
wo mein herz schon wurzeln schlägt